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Zwischen Vergänglichkeit und Präzision

KATRINA

/// Christian Grams /// „Katrina“, Aquatinta, 21,5 x 30,7 cm ///

In Mitten des Bildes steht auf einem Trümmerfeld entrückt ein Pick-up. Direkt hinter diesem Gefährt sind nur noch Strukturen eines Wohnhauses zu erkennen, dass diese Bezeichnung als jenes nicht mehr verdient. Über dieser Szenerie der Verwüstung spinnen unversehrte Strommasten ungestört ihr Netz in den Bildhintergrund, wo die eigentliche Idylle noch weiterlebt – überspannt von einem leicht bewölkten Himmel, dem man die Macht einer Naturgewalt nicht abnehmen wollte.

Es ist eine aus einer Zeitung stammende Abbildung eines ehemals urbanen Vororts von New Orleans nachdem der Hurrikane Katrina seinen Weg durch die Landschaft fraß. Das Ausmaß der Zerstörung einer Millionenstadt wird auf diesem Bild konzentriert und zeigt die reine Willkür einer Naturgewalt und die Hilflosigkeit der Menschen, welche ihr gegenüberstehen. Doch der zweite Blick verrät mehr und erfordert ein genaues Auge, um die kleinen Hoffnung verheißenden Details zu erkennen. Mitten im Trümmerfeld, direkt neben dem Pick-up, blühen drei kleine Blümchen. Folgt man der Achse des Wagens lugt ein kleiner Teddybär hervor, ein weiteres Stück der Blickachse rechts folgend, sind vier Glasflaschen erkennbar, die wie eine kleine Mauer dem Chaos trotzend gegenüberstehen. Eine andere Interpretation von Glaube, Liebe und Hoffnung. Christian Grams schafft hier eine weitere Deutungsebene für eine Momentaufnahme, die ohne seinen Eingriff nur die Zerstörung zu zeigen weiß.

fuckingFACES

/// Christian Grams /// „Why so many fucking faces looking at me?“, Aquatinta, 22,5 x 49,5 cm///

Diese Art der Bildtransformation, welches oft einem Suchbild entspricht, zieht sich durch Grams Arbeiten. Kleine Figuren, Gesichter, Tiere und andere Gestalten tummeln sich auf den Drucken. Sie dominieren das Bildgeschehen, tauchen zwischen abstrakten Strukturen auf oder verstecken sich gar hinter ihnen. Die figürliche Vielfalt erinnert an Comicstrips. Einige Techniken, wie zum Beispiel das Arbeiten mit Schablonen, stammen wiederum aus der Graffitiszene. Hier transferiert der Künstler eine Art des Arbeitens, wo es um Schnelligkeit und Vergänglichkeit im Außenraum geht, in eine Ateliersituation, die im Gegensatz dazu Geduld und Präzision erfordert – und längeres Überleben seiner Arbeiten verspricht.

Christian Grams erschafft sich eine ganz eigene starke, autarke und vielfältige Bildwelt, in dem er seine Begebenheiten und Erzählungen zeigen, erweitern und bewahren kann. Dabei bleiben seine Radierungen stets mit der Realität verbunden. Sparsam gesetzte Nuancen während des Druckens und prozesshaftes Arbeiten unterstreichen diese Selbstreflexion.

Seine Arbeiten waren zuletzt in der Ausstellung „11 Künstler in 2 Torhäusern“ (13.03. – 19.04.2015) im BBK Braunschweig zu sehen. Darüber hinaus engagiert sich der Künstler bei The Bridge e.V. – zur Förderung der Hip-Hop Kultur.

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Verblasste und wiederbelebte Erinnerungen – Beobachtungen zu Christin von Behrbalks Zeichnungen

Eine Staubschicht hat sich auf die Oberfläche des Kartons abgesetzt. Grau bis weiß schimmernd. Die Zeit ist in der Lage sich so Aufmerksamkeit zu verschaffen. Still und ruhig liegt diese danieder. Ein plötzlicher Windstoß trägt alle Partikel hinfort. Hände öffnen diesen Karton und fassen behutsam in ihn hinein. Sie greifen Fotografien aus älteren Tagen; verblasste Erinnerungen. Fragen werden aufgewirbelt. Menschen, die wir nicht kennen, ziehen uns in eine andere Welt hinein. In eine längst vergangene Zeit. Motive tauchen auf, die man aus dem eigenen Familienalbum kennt. Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, Geburtstage, Urlaube, Ausflüge, Weihnachten und Beerdigungen sind kleine und große Ereignisse, die es festzuhalten gilt. Momente des Lebens wurden auf das Fotomaterial gebannt und nach der Entwicklung liebevoll in Alben eingeklebt.

Die Zeit kann jedoch auch der unliebsame Feind sein und bringt oft Unordnung mit sich. Durch die Entsorgung unbrauchbarer Gegenstände, einen Umzug oder gar ein Todesfall verlassen die Fotografien meist ihre Aufbewahrungsorte, um sich zu anderen, gar fremden Fotografien zu gesellen. Vielleicht in jenen Karton?

Zu den unbekannten Menschen auf den Bildern entsteht eine Beziehung. Sind diese doch in ihrer Handlungs- und Präsentationsweise uns ähnlich. Die Haltung, der Gestus, die getragene Mode sowie die Umgebung beherbergen gesellschaftliche, traditionelle und familiäre Codierungen, die sich über die Jahre hinweg erhalten haben und wir zu verstehen wissen. Parallelen, die wir zu unserem eigenen Leben ziehen können.

Christin von Behrbalk setzt sich mit eben diesem Phänomen der gesellschaftlichen Codierungen innerhalb der Amateurfotografie auseinander. Meist gesichtslos sind die fragilen Zeichnungen der Künstlerin. Sie gibt dem Betrachter die Möglichkeit die Leere als eine Art Platzhalter zu verstehen. Je länger dieser die bezeichnete Oberfläche betrachtet, fügt sich Schicht für Schicht sein eigenes Abbild in diese hinein. Das Trägermaterial der Zeichnungen ist natürlich gealtert, wie auch bei den gefundenen Fotografien. Leichte Farb- und Wasserflecken brechen die Neutralität des Papiers auf. Dabei werden die einzelnen Motive von zarten Aquarellfarben unterstrichen. Die einzelnen Farbaufträge wirken durch ihre Zartheit durchscheinbar, gar verblasst. Sie sind eine Erinnerung an das einstige Reale.

In Braunschweig steht 2013 alles im Zeichen des Themenjahres „1913 – Braunschweig zwischen Monarchie und Moderne“. Nun setzten sich Künstlerinnen und Künstler mit dieser Thematik auseinander. „Royalist oder Skeptiker?“ Der BBK zeigt die Ergebnisse, u. a. auch eine Arbeit von Christin von Behrbalk, vom 23. Juni bis zum 14. Juli 2013 in der Torhaus Galerie. Der Besucher kann selbst bestimmen, ob er die Ausstellung als Royalist oder als Skeptiker entdecken möchte.

Christin von Behrbalk

BBK Torhaus Galerie

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