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/// David (2016) /// Foto: J. Krone ///

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David

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/// o. T. (2015) /// Foto: J. Krone ///

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Street Art IV ….

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/// o. T. (2015) /// Foto: J. Krone ///

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Street Art III …

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`Type any name |´ – Ein Spiel mit den Identitäten

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/// Facebook Profilbilder (2011 bis 2012) /// Foto: M. Diederich ///

„Marjam Diederich hat ihr Profilbild geändert.“ Diesen Satz konnte jeder, der mit der Künstlerin zwischen 2011 und 2012 befreundet war, in regelmäßigen Abständen, lesen. Stets lud Marjam Diederich Abbildungen von Gemälden verschiedenster/en Künstler*innen aus nahezu der gesamten Bandbreite der Kunstgeschichte hoch. Dem Schema der Abbildungen blieb sie durchgehend treu: nur weibliche Personen mit rotem Haar fanden Platz im Kanon ihrer Profilbildserie. Sandro Botticellis `Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci)´, Joh Roddam Spencer Stanhopes `The Temptation of Eve´, Edvard Munchs `Der Vampir´, Lukas Cranachs dem Älteren `Judith mit dem Haupt des Holofernes´ und viele weitere reihen sich in der Bildabfolge ein. Die Abbildungen zeigen Frauen wie diese in der jeweiligen Epoche von der Gesellschaft bzw. dem/der Künstler*in gesehen wurden. Es sind Rollenbilder, die sich wiederholen: Die ideale Schönheit, die Femme fatale, die Tugendhafte, die Starke, die Unberechenbare, die Fleißige, die Unterwürfige, die Unnahbare, die Erbsünderin. Rollenbilder, die von Generation zu Generation neu ausgelotete werden müssen beziehungsweise darauf warten durchbrochen zu werden. Es ist ein serieller Versuch der Künstlerin sich der eigenen Identität in der heutigen Gesellschaft gewahr zu werden. Denn die Frage nach der eigenen Identität ist größer als je zuvor. Neue Kommunikationswege, die sich durch das World Wide Web bewegen, zeigen gerade über soziale Netzwerke auf, wie man sich zu präsentieren hat: frisch, jung, hipp und individuell. Diese Parameter werden über das Profilbild transportiert. Dieses ist in der Lage auf das Wesentliche einer Person zu reduzieren. Daher verwundert es nicht, dass Diederich auf jene Fragen stößt: Wie sehen mich meine Mitmenschen? Wie sehe ich mich? Fragen, die sich die Künstlerin selbst, aber auch fremden Passanten, die ihr im Alltag begegnen in ihrer Arbeit `Portraits´ (2013) indirekt stellt.

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Aus der Serie `Portrait´ (2013) /// Foto: Alex, 28 ///

Dabei durften die freiwilligen Fotografen*innen Anweisungen für ihr Wunschmotiv geben, die Diederich übernehmen musste. Die Künstlerin übergibt die Kontrolle über ihren Körper einer fremden Person, die sie wiederum nach ihrem Empfinden steuern kann. Für einen kurzen Augenblick wird sie zu einer Projektionsfläche für ihr Gegenüber. Sie nimmt all´ jene Positionen ein, die sich der/die Fotograf*in nicht selbst traut auszuprobieren. Es ist ein Vexierspiel zwischen sein und nicht sein. Der Kontrollverlust über den eigenen Körper eröffnet aber auch gleichzeitig neue Möglichkeiten der Selbsterfahrung. Durch das serielle Arbeiten sowie das Erfahren der Reaktionen der fremden Menschen, sei es im virtuellen oder im realen Umfeld, versucht die Künstlerin sich ihrer eigenen Identität zu nähern.

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/// Videostill Hüllen (2014) /// Marjam Diederich ///

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/// Videostill Hüllen (2014) /// Marjam Diederich ///

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/// Videostill Hüllen (2014) /// Marjam Diederich ///

In einer Videoarbeit `Hüllen´ (2014) versetzt sich Diederich direkt in drei unterschiedliche Rollen, die sie perfekt zu spielen weiß. Da wäre der selbstbewusste von sich überzeugte Businesstyp, die hübsche, lebensfrohe, junge und die durch eine Achtsamkeitübung zu sich selbstfindende Frau. Unterschiedlicher könnten die Rollen nicht sein. Sowohl durch den schnellen Szenenwechsel als auch durch die trashig wirkende Audiosequenz, bricht in sekundenschnelle das jeweilige Rollenbild auf. Was bleibt ist die Künstlerin selbst, die sich durch ihre Wandelbarkeit auf das wichtigste reduziert – auf ihre eigene Identität.

Durch den reflektierten Umgang sowie der Präsentationsart der Fotografien bzw. der Videoinstallationen schafft Marjam Diederich durch die unterschiedlichen Visualisierungsstrategien ihre eigene Identität zu manifestieren. Wir müssen nur genau hinsehen.

Marjam Diederich studiert Freie Kunst bei Prof. Candice Breitz an der HBK Braunschweig.
In ihren Videos und konzeptuellen Fotografien beschäftigt sich Marjam Diederich mit Frauenrollen, sowohl der eigenen als auch der gesellschaftlichen, und deren Wechselwirkungen. Ihre erste Solo-Ausstellung „PROFILES“ war bis Ende März in der CITY Gallery des Kunstverein Wolfsburg zu sehen.

Weitere Informationen unter:
citygallery@wolfsburg.de
http://www.kunstverein-wolfsburg.de/city_gallery

CITY GALLERY des Kunstverein Wolfsburg
Alvar Aalto Kulturhaus, Porschestraße 51, 38440 Wolfsburg
Öffnungszeiten: Di bis Fr 10 – 18 Uhr, Sa 9 – 13 Uhr

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/// o. T. (2014) /// Foto: J. Krone ///

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Merhaba!…

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/// o. T. (2014) /// Foto: J. Krone ///

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Freundliche Gesichter…

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Ein Indianer schaut mich an

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/// Christian Retschlag /// „Indianer“ 2012, 55 x 43 cm, Silbergelatine Lithprint ///

Er trägt eine geknöpfte Wolltunika, über die linke Schulter ist ein gestreifter Umhang drapiert. Um seinen Hals winden sich unterschiedliche Holz- und Perlenketten, welche von kleinen Federn flankiert werden. Sein Gesicht wird von einem dünnen, weißen Streifen geziert – vermutlich eine stammestypische Bemalung. Dezent, exakt und leicht. Eine um den Kopf führende Kordel hält eine Feder am Hinterkopf. Ein Häuptling scheint er nicht zu sein, sonst trüge er einen aufwändigeren Kopfschmuck. Ist dieser Mann wirklich ein Indianer? Willensstark, fast trotzig schaut er mir entgegen. „Was ist? Glaubst Du mir etwa nicht? Ich bin das Abbild eines mutigen Kriegers meines Stammes. Als Beweis siehst Du mich auf dieser Fotografie!“

So wird es wohl fast jedem Betrachter gehen, der sich mit den Arbeiten von Christian Retschlag auseinandersetzt. Der erste Blick zeigt exakt das Motiv, welches wir aus unserem eigenen Bildgedächtnis kennen. Dieses wiederum wurde durch das kollektive Bildgedächtnis beeinflusst und geprägt. Motive, die dem Betrachter so selbstverständlich erscheinen, dass er erst beim zweiten oder dritten Blick über etwas im Gezeigten stolpert. Es sind meist kleine Gesten oder nahezu unauffällige Requisiten, die sich in die Motivik einbetten, und dadurch den Dreh- und Angelpunkt zwischen Realität und Fiktion bilden. Sie stellen die Verbindung zwischen dem Betrachter und der fotografischen Arbeit her. Der Künstler leitet ihn dazu an, die Fotografie genauer zu betrachten, zu hinterfragen, zu reflektieren.

Die Irritation, die die Motive hervorrufen, ist auch in der Wahl des Mediums begründet. Es ist die bewusste Entscheidung für die analoge Schwarzweißfotografie, welche eine scheinbare Authentizität und Seriosität einer Momentaufnahme impliziert. Der Umgang mit ihr spielt mit den Konventionen der Fotografie und regt dadurch den Rezipienten zur Selbstreflexion an. Die geschlossenen Bildräume innerhalb der Arbeiten lassen lediglich den außenstehenden Blick zu. So wird mit den Sehgewohnheiten des Betrachters gespielt. Interessant ist, dass der Künstler nicht seriell arbeitet. Jede Fotografie steht ganz für sich – gemeinsam bilden sie ein Konglomerat, welches sich immer wieder untereinander neu kombinieren lässt. Diese Arbeitsweise verlangt geradezu danach, die einzelnen Fotografien assoziativ zusammenzusetzen. Ständig auf der Suche nach einer interessanten, vielleicht auch widersprüchlichen Konversation untereinander.

Die Fotografie ist ein Medium, das den Augenblick haltbar macht, ihn aufbewahrt – auch jene Erinnerungen und Momente, die nie da waren. In diesem Sinne sind die Fotoarbeiten Christian Retschlags inszenierte Projektionsflächen, die den Betrachter in die Rolle des Porträtierten schlüpfen lassen. Für die Inszenierung sprechen auch die Titel der einzelnen Arbeiten, sowie die vielen Cameo-Auftritte ähnlich wie bei Hitchcocks Verfilmungen. Auch sie funktionieren als Hinweise, als eine Art Geste des Nicht-Möglich-Seins. Trotz der vorgeblichen Seriosität versteckt sich stets ein Augenzwinkern in der Motivik der Arbeiten und erreicht den Betrachter, der nun den zweiten Blick wagt.

Christian Retschlag überlässt während der Umsetzung seiner Arbeiten nichts dem Zufall. Jede Arbeit ist genau durchdacht und geplant. Wie ein Regisseur geht der Künstler seine Motive an. Dabei spielt er mehr oder weniger offensichtlich mit dem gesellschaftlichen Konsens, wie ein bestimmtes Bild gezeigt werden muss, um eine Assoziationskette bei dem Betrachter auszulösen zu können.
Dieser erkennt die Bildsprache wieder, da er diese aus den Medien herausgefiltert hat oder gar jene historischen Momente selbst erlebte. Jeder hat ein eigenes, individuelles Bildgedächtnis. Durch die Wahrnehmung bestimmter Bilder werden Gefühle aktiviert und Erinnerungen wach. Der Betrachter wird dazu verführt, diesen nachzuhängen und vergisst die eigentliche Realität um sich herum – gestützt von den sinnlichen Erfahrungen, die er im Ausstellungsraum macht.

Christian Retschlag steckt mit seinen Arbeiten immer wieder die Grenzen zwischen Realität und konstruierter Lüge ab, wobei sowohl Ernsthaftigkeit als auch Humor stets mitschwingen. Der Künstler erschafft mit seinen Fotoarbeiten einen ganz eigenen Mikrokosmos, in dem er seinen Blick auf die Dinge, seine Erlebnisse und Erzählungen zeigen, erweitern und bewahren kann. Immer auf der Suche nach einer neuen, nach seiner Wahrheit, welche er mit Pfeil und Bogen zu finden vermag.

Erschienen in: Kat. Ausst. Meisterschüler 2014. Ich mag die Momente, die nie da waren – Christian Retschlag, Hannover Rück SE (Hrg.), Bönen 2014.

Die Ausstellung Meisterschüler 2014 ist im Foyer der Hannover Rück SE im Gebäude der Karl-Wiechert-Allee 57 30625 Hannover zusehen.

Ausstellungsdauer: 28.03. – 23.11.2014

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