/// o. T. (2017) /// Foto: J. Krone ///

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Portikus

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Der gerettete Augenblick

stitched #8, alte Fotografie & Nähgarn, 12x9 cm, 2014

/// Christin von Behrbalk /// stitched #8 (2014), alte Fotografie & Nähgarn, 12 x 9 cm ///

Die Zeit kann ein unliebsamer Feind sein und bringt oft Unordnung mit sich. Durch die Entsorgung unbrauchbarer Gegenstände, einem Umzug oder gar einem Todesfall geschuldet, verlassen Fotografien meist ihre Aufbewahrungsorte, um sich zu anderen, gar fremden Fotografien zu gesellen. Die Hände der Künstlerin Christin von Behrbalk öffnen einen Karton und fassen behutsam in ihn hinein. Sie greifen Fotografien aus vergangenen Tagen – verblasste Erinnerungen. Abgelichtete Menschen, die wir nicht kennen, ziehen uns in eine andere Welt hinein. In eine längst vergangene Zeit. Motive tauchen auf, die aus dem eigenen Familienalbum bekannt sind. Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, Geburtstage, Urlaube, Ausflüge, Weihnachten und Beerdigungen sind kleine und große Ereignisse, die es festzuhalten gilt. Momente des Lebens wurden auf das Fotomaterial gebannt. Bei längerer Betrachtung entsteht eine Beziehung zwischen uns und den unbekannten Menschen auf den Bildern – sind diese doch in ihrer Handlungs- und Präsentationsweise ihm ähnlich. Die Haltung, der Gestus, die getragene Mode sowie die Umgebung beherbergen gesellschaftliche, traditionelle und familiäre Codierungen, die sich über die Jahre hinweg erhalten haben und wir zu verstehen wissen. Es sind Parallelen, die wir zu unserem eigenen Leben ziehen können. Doch bleibt es nicht alleine bei den ausgewählten und dem Betrachter bekannten Motiven, die die Künstlerin Christin von Behrbalk präsentiert. Vielmehr sind es die Momente, die sich dem Betrachter zu entziehen versuchen. Durch feine Stickereien schafft sie über die Motivik hinweg eine von vielen möglichen Geschichten auf der Fotografie selbst aufzuzeigen. Das Garn weiß diese zu manifestieren und über den Augenblick hinaus haltbar zu machen. Doch nicht nur alte Fotografien zeigen vergangene Momente auf.

was sich rühren musste, rührte sich #4, Hahnemühle Fine Art matt, 50x70 cm, Auflage von 3, 2015

/// Christin von Behrbalk /// Was sich rühren musste, rührte sich #4, Hahnemühle ///

Christin von Behrbalk fängt in ihren eigenen Fotografien gefundene Augenblicke des Alltags ein. Es ist ein immer fortwährender Prozess des Findens, Festhaltens und Loslassens. Oft sind es Situationen der völligen Stille und Einsamkeit, wie es in der Arbeit „Was sich rühren musste, rührte sich #4“ (2015) deutlich wird. Die gezeigten Sträucher wurden für das nächste Frühjahr vorbereitend, aber dennoch nahezu brutal zurückgeschnitten. Dieser Akt bleibt dem Betrachter verborgen ebenso wie das einstige Volumen von Ast- und Blattwerk der einzelnen Sträucher. Trotz des radikalen Rückschnitts und der einhergehenden Ödnis, der hier von der Künstlerin festgehalten wurde, birgt dieser dokumentierte Moment ein Vexierspiel des Vergehens und des Wiedererwachens. Es braucht alleine die Vorstellungskraft eines rezipierenden Betrachters, welcher den kommenden Frühling und somit die nächste blütenbringende Wachstumsphase erahnen kann. Christin von Behrbalk erschafft ihren eigenen Mikrokosmos, in dem sie ihre gesammelten Augenblicke zeigen, erweitern und durch ihre unterschiedlich genutzten Medien manifestieren bzw. bewahren kann. Es ist ein fragiles Konstrukt, welches stets neue Facetten zu zeigen vermag.

Veröffentlicht in: create38. regionales gestalten. Gifhorner Engagement – Braunschweiger Kunst und Kreativität – Regionale Visionen und Geschäftsideen. (Hg.) Martin Sonneberg, 3. Ausgabe, Braunschweig 2015.

Nähere Informationen zu create38!

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`Type any name |´ – Ein Spiel mit den Identitäten

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/// Facebook Profilbilder (2011 bis 2012) /// Foto: M. Diederich ///

„Marjam Diederich hat ihr Profilbild geändert.“ Diesen Satz konnte jeder, der mit der Künstlerin zwischen 2011 und 2012 befreundet war, in regelmäßigen Abständen, lesen. Stets lud Marjam Diederich Abbildungen von Gemälden verschiedenster/en Künstler*innen aus nahezu der gesamten Bandbreite der Kunstgeschichte hoch. Dem Schema der Abbildungen blieb sie durchgehend treu: nur weibliche Personen mit rotem Haar fanden Platz im Kanon ihrer Profilbildserie. Sandro Botticellis `Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci)´, Joh Roddam Spencer Stanhopes `The Temptation of Eve´, Edvard Munchs `Der Vampir´, Lukas Cranachs dem Älteren `Judith mit dem Haupt des Holofernes´ und viele weitere reihen sich in der Bildabfolge ein. Die Abbildungen zeigen Frauen wie diese in der jeweiligen Epoche von der Gesellschaft bzw. dem/der Künstler*in gesehen wurden. Es sind Rollenbilder, die sich wiederholen: Die ideale Schönheit, die Femme fatale, die Tugendhafte, die Starke, die Unberechenbare, die Fleißige, die Unterwürfige, die Unnahbare, die Erbsünderin. Rollenbilder, die von Generation zu Generation neu ausgelotete werden müssen beziehungsweise darauf warten durchbrochen zu werden. Es ist ein serieller Versuch der Künstlerin sich der eigenen Identität in der heutigen Gesellschaft gewahr zu werden. Denn die Frage nach der eigenen Identität ist größer als je zuvor. Neue Kommunikationswege, die sich durch das World Wide Web bewegen, zeigen gerade über soziale Netzwerke auf, wie man sich zu präsentieren hat: frisch, jung, hipp und individuell. Diese Parameter werden über das Profilbild transportiert. Dieses ist in der Lage auf das Wesentliche einer Person zu reduzieren. Daher verwundert es nicht, dass Diederich auf jene Fragen stößt: Wie sehen mich meine Mitmenschen? Wie sehe ich mich? Fragen, die sich die Künstlerin selbst, aber auch fremden Passanten, die ihr im Alltag begegnen in ihrer Arbeit `Portraits´ (2013) indirekt stellt.

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Aus der Serie `Portrait´ (2013) /// Foto: Alex, 28 ///

Dabei durften die freiwilligen Fotografen*innen Anweisungen für ihr Wunschmotiv geben, die Diederich übernehmen musste. Die Künstlerin übergibt die Kontrolle über ihren Körper einer fremden Person, die sie wiederum nach ihrem Empfinden steuern kann. Für einen kurzen Augenblick wird sie zu einer Projektionsfläche für ihr Gegenüber. Sie nimmt all´ jene Positionen ein, die sich der/die Fotograf*in nicht selbst traut auszuprobieren. Es ist ein Vexierspiel zwischen sein und nicht sein. Der Kontrollverlust über den eigenen Körper eröffnet aber auch gleichzeitig neue Möglichkeiten der Selbsterfahrung. Durch das serielle Arbeiten sowie das Erfahren der Reaktionen der fremden Menschen, sei es im virtuellen oder im realen Umfeld, versucht die Künstlerin sich ihrer eigenen Identität zu nähern.

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/// Videostill Hüllen (2014) /// Marjam Diederich ///

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/// Videostill Hüllen (2014) /// Marjam Diederich ///

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/// Videostill Hüllen (2014) /// Marjam Diederich ///

In einer Videoarbeit `Hüllen´ (2014) versetzt sich Diederich direkt in drei unterschiedliche Rollen, die sie perfekt zu spielen weiß. Da wäre der selbstbewusste von sich überzeugte Businesstyp, die hübsche, lebensfrohe, junge und die durch eine Achtsamkeitübung zu sich selbstfindende Frau. Unterschiedlicher könnten die Rollen nicht sein. Sowohl durch den schnellen Szenenwechsel als auch durch die trashig wirkende Audiosequenz, bricht in sekundenschnelle das jeweilige Rollenbild auf. Was bleibt ist die Künstlerin selbst, die sich durch ihre Wandelbarkeit auf das wichtigste reduziert – auf ihre eigene Identität.

Durch den reflektierten Umgang sowie der Präsentationsart der Fotografien bzw. der Videoinstallationen schafft Marjam Diederich durch die unterschiedlichen Visualisierungsstrategien ihre eigene Identität zu manifestieren. Wir müssen nur genau hinsehen.

Marjam Diederich studiert Freie Kunst bei Prof. Candice Breitz an der HBK Braunschweig.
In ihren Videos und konzeptuellen Fotografien beschäftigt sich Marjam Diederich mit Frauenrollen, sowohl der eigenen als auch der gesellschaftlichen, und deren Wechselwirkungen. Ihre erste Solo-Ausstellung „PROFILES“ war bis Ende März in der CITY Gallery des Kunstverein Wolfsburg zu sehen.

Weitere Informationen unter:
citygallery@wolfsburg.de
http://www.kunstverein-wolfsburg.de/city_gallery

CITY GALLERY des Kunstverein Wolfsburg
Alvar Aalto Kulturhaus, Porschestraße 51, 38440 Wolfsburg
Öffnungszeiten: Di bis Fr 10 – 18 Uhr, Sa 9 – 13 Uhr

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Zwischen Dir und mir – Zwischen uns

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/// Judith Dilchert /// „o.T.“ (2014) /// Foto: J. Krone ///

Ein schwarz glänzendes Objekt schwebt im Raum. Hier und dort erwuchsen faserartige Gewebe, die zu den Wänden hinstreben. Diese sind raumgreifend, monumental und dennoch mit einer Leichtigkeit versehen. Der Betrachter wird dazu angehalten diese Skulptur in Gänze zu erfassen.

Das Gebilde greift nach den Wänden, um hier den nötigen Halt und somit die Stabilität zu finden. Durch die mehrlagigen Schichten des Klebebandes wirkt die Oberfläche, wie die eines Geflechts – ähnelt gar einem Spinnenkokon. Jener in der Natur vorkommende Kokon besteht aus dem selben Material, welches auch zur Anfertigung eines Spinnennetzes genutzt wird. Es ist somit ein widersprüchliches Material: auf der einen Seite dient es als Schutzraum für die noch ungeschlüpften Nachkommen, auf der anderen, garantiert es das Überleben des Muttertieres durch besiegeltes, verhängnisvolles Ende der Beute. Ein Stoff, der Geburt und Tod vereint. Doch hier schützt das Geflecht Judith Dilcherts Arbeit nicht die Brut einer Spinne, sondern etwas ebenfalls fragiles aber metaphorisches: eine Beziehung zu Jemandem.

Der Kokon, der einen schützenden Raum bildet, steht gleichermaßen für die Haut des Menschen. Neben der Schutzfunktion evoziert diese Membran die Möglichkeit zur Definition der Abgrenzung des Inneren und Äußeren des Körpers. Der Aufbau der Membran korrespondiert ebenfalls mit der menschlich, organischen Haut – besteht diese doch aus drei Schichten. Die der Außenwelt zugewandten Schicht ist die Oberhaut (Epidermis), gefolgt von der robusten Lederhaut (Dermis) sowie der empfindlichen Unterhaut (Subcutis). Auch die Skulptur verfügt über diese dreifache Schichtung. Allerdings in umgekehrter Reihenfolge. Die innerste, verletzlichste – vielleicht auch der Seele am nächsten – wird von der Künstlerin nach Außen gekehrt. Ein bewusster Schritt, der die Emotionen sichtbar, physisch spürbar macht.

Im Inneren geben aus Holzspan gefertigte, organische Formen die Festigkeit für die nachfolgenden Klebebandschichten. Mit schwarzem Fasertape überklebte die Künstlerin, die erste durchsichtige Klebebandschicht. Die letzte, all um umschließende Schicht besteht nicht aus einem künstlichen Material, sondern aus einem organischen. Ein natürliches Lebensmittel, welches sein Inneres zu konservieren weiß, schließt es doch nahtlos die Oberfläche, welche der Betrachter mit all seinen Sinnen erfassen darf. Der Karamell, ein braunes, vermeintlich zuckriges Naschwerk, verspricht die Süße, die einem das Leben bereit hält. Doch bei genauerer Untersuchung dieser Substanz wird der Ausstellungsbesucher überrascht: die süße Vorstellung wird plötzlich von der bitteren Realität abgelöst. Mag die Haptik des Karamells noch so weich sein, bringt der Geschmackssinn die Wahrheit ans Licht. Was bleibt ist die Sehnsucht nach dem Vergangenen – der süßen Erinnerung.

Die Ausstellung „Zwischen Dir und mir – zwischen uns“ ist noch bis zum 02. Mai 2014 im Artmaxx in der Frankfurter Straße 4, 38122 Braunschweig zu besichtigen.

Öffnungszeit: 15:00 – 18:00 Uhr

Erschienen in: KRISTEL 03 Raum Issue – Das Magazin von Studierenden der HBK Braunschweig, (Hrg.) Jaqueline Krone/ Marlene Bart. Wolfenbüttel 2014. S. 14f.

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Die Zeitreise. Beobachtungen zu Stefanie Bühlers Arbeiten

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/// Blick in die Ausstellung „Mittlere Breiten“ von Stefanie Bühler, 2009 (Courtesy Junge Kunst, Wolfsburg/Foto: Hensel) ///

Pfützen entspringen aus dem Nichts und ergießen sich über den Boden. Teile einer bleigrauen Wolke ziehen an der Decke vorbei und lassen dahinter ein aufkommendes Gewitter vermuten. Ein schmaler Feldweg, gesäumt von einer Grasnarbe, schlängelt sich beleuchtet durch den sonst abgedunkelten Raum und verschwindet allmählich im Boden. Dafür wächst an anderer Stelle ein Urwald, in dem hohe Bäume, Palmen, Lianen und Farne wuchern. Diese Landschaftsmotive extrahiert Stefanie Bühler und versetzt sie in den Ausstellungsraum. Die Größenverhältnisse entsprechen zumeist nicht den realen Begebenheiten und werden so zusätzlich dem bekannten Kontext enthoben. Die Arbeiten wirken zugleich vertraut und doch irritierend, sodass der Betrachter sich stets mit seiner ambivalenten Wahrnehmung auseinandersetzen muss.

Stefanie Bühler untersucht nicht nur landschaftliche oder alltägliche Motive, sondern gräbt sich buchstäblich in die Tiefe der Erdgeschichte hinein. Geologische Querschnitte, vulkanische Schlote und Tiefseegräben bis hin zu Tropfsteinhöhlen gehören zu ihrem künstlerischen Kanon. Diese bleiben allerdings nicht grafische Darstellungen wie in Sachbüchern, sondern werden in das Skulpturale übertragen. Dabei handelt es sich stets um Formationen, die so in der Natur vorkommen. Von der Künstlerin entlehnt und durch den Arbeitsprozess neu interpretiert, entstehen ganz eigene plastische Gebilde. Diese geheimnisvolle Atmosphäre, die zwischen Wahrheit und Fiktion changiert, wird von der Künstlerin eingefangen und für den Betrachter sichtbar gemacht. Es sind Naturstudien, die nicht wissenschaftlichen Zwecken dienen, sondern das Prozesshafte der Natur selbst untersuchen.

Die Künstlerin geht archäologisch vor: Schicht für Schicht werden die Sedimente untersucht. Sie stößt bis in das Erdzeitalter des Karbons vor. Es scheint, als ob die Arbeit Paradiesbaum von ihr freigelegt wurde. Hierbei handelt es sich um einen Lepidodendron, auch Schuppenbaum genannt. Er muss zu seinen Lebzeiten ein groß gewachsener Baum gewesen sein, der sich gen Himmel reckte, bevor er im Laufe von Jahrmillionen versteinern sollte. Die von Bühler geschaffene Pflanze ist das Relikt einer vergangenen Zeit, oder vielmehr eine Idee dessen. Diese fiktive Vorstellung manifestiert die Künstlerin mit Beton und verschiedenen Pigmenten. Gräulich und dennoch kristallin-schimmernd bricht sich das Licht an der Oberfläche jeder einzelnen Baumschuppe. Trotz seiner Größe wirkt sie gerade dadurch filigran. Die Baumkrone hat die Zeit nicht überdauert, dafür scheint das Wurzelwerk erhalten zu sein fest mit seinem Untergrund verwachsen zu sein. Mit der „Ausgrabung“ des Objekts legt die Künstlerin den nicht fassbaren Begriff der Zeit frei, indem sie Vergangenheit und Gegenwart miteinander verbindet.

Erschienen im Katalog „Fünfzehn Jahre Junge Kunst. Stefanie Bühler, Hannah Dougherty, Simon Halfmeyer, Sina Heffner, Sigga Björg Sigurdardottir, Markus Zimmermann“, Hrsg. Junge Kunst e. V., Constanze von Marlin, Wolfsburg 2013.

Die Ausstellung „Fünfzehn Jahre Junge Kunst“ ist noch bis zum 11.01.2014 in der Galerie Junge Kunst e. V. in Wolfsburg zu sehen. Zu diesem Jubiläum wurden Künstlerinnen und Künstler wie Stefanie Bühler, Hannah Dougherty, Simon Halfmeyer, Sina Heffner, Sigga Björg Sigurdardottir und Markus Zimmermann erneut eingeladen, um ihre neuen Arbeiten zu zeigen.

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Achtung! Garantierte Explosionsgefahr! Beobachtungen zu Hanna Doughertys Arbeiten

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/// Hannah Dougherty /// „Shit head“ (2012), Acryl auf Leinwand und Multiplex, 150 x 150 cm /// Quelle: http://www.hannahdougherty.net ///

Meine Güte! Was für ein Chaos! So bunt, geradezu schrill in der Farbigkeit. Schwarz-Weiß-Fotografien treffen auf knallig intensive Malerei und filigrane Zeichnungen. Einfach verwirrend! Und hier – Elemente der mittelalterlichen Buchmalerei gepaart mit Bierflaschen; daneben Comicfiguren und Fabelwesen, die sowohl menschliche als auch tierische Merkmale aufweisen. Hier und da tauchen heimatliche Motive wie das Vogelhäuschen und die Rose auf. Was für ein gewaltiger, künstlerischer Ausbruch!

In Hannah Doughertys Werk werden vertraute Motive zerschnitten, übereinander gelegt und wieder neu zusammengesetzt. Einzelne Fragmente erhalten während ihrer Neuplatzierung einen ungewohnten Kontext. Die einzelnen Elemente werden collagiert bzw. assembliert. Eine Spannung entsteht, die sich überraschend im Rezipienten entlädt. Der Betrachter mag beim ersten Anblick von Hannah Doughertys Arbeiten zunächst überfordert sein. Die riesigen Collagen sind meistens medienübergreifend und dabei exaltiert. Allerdings nur auf den ersten Blick! Der Betrachter braucht einen Moment der Angleichungsphase seiner Augen. Danach eröffnet sich ihm eine verschlüsselte, aber dennoch humoristische und pointierte Kunstwelt.

Doughertys Arbeiten sind mit Zeichen gespickt, die scheinbar je eine Bedeutung zugeschrieben bekamen. Somit entsteht eine eigene Sprache, ein eigenes Zeichensystem, welche generell von der bildhaften Sprache beeinflusst ist. Das Spektrum reicht von hieroglyphenartigen Schriftzügen bis hin zu comichaften Darstellungen. Die Entschlüsselung der Codierung kann nur partiell erfolgen. Wie ein forschender Semiotiker hangelt sich der Betrachter von Zeichen zu Zeichen. Durch die Wiederholungen bestimmter Codierungen entsteht der Eindruck, dass es sich tatsächlich, um eine künstlerische (Geheim-) Botschaft handeln muss. Gerade wenn er glaubt etwas übersetzt zu haben, entzieht es sich ihm im nächsten Moment wieder, sodass ein erneuter Übersetzungsversuch begonnen werden muss. Es ist eine gewollte, geradezu provozierte Situation, die die Auseinandersetzung mit ihren Arbeiten noch intensiver macht.

Die Künstlerin nutzt Symbole, die der Betrachter nicht mehr unbedingt zu deuten weiß. Die Zeichen stammen aus der europäischen, mittelalterlichen (Buch-) Malerei, wie der Regenbogen, welcher für die Verbindung zwischen Himmel und Erde, also Gott und den Menschen, steht, Spruchbänder, die jedoch ohne Inhalte in die Arbeiten eingebracht wurden, sowie eine überdimensionierte Hand, die aus einer Wolke auf das irdische Geschehen zeigt und die göttliche Allmacht symbolisiert. Die mittelalterlichen Gesten sowie ihre Bedeutungen sind heute nahezu verschwunden und unbekannt.

Die Künstlerin schöpft aus diesem gewaltigen Konglomerat an historischen Referenzen, versieht sie mit einer gegenwärtigen Sprache und setzt sie zu neuartigen Bildfolgen zusammen. Allerdings nutzt sie nicht nur die Zeichen der vergangenen Tage, sondern erhebt Objekte der Alltags- und der Popkultur in den eigenen Sprachkanon, wie Bierflaschen der Marke Becks oder die Comicfigur Idefix. Die Künstlerin erschafft sich einen eigenen Kosmos aus Motiven, Begebenheiten und Erzählungen, stets bedacht, mit einer farblichen und zeichnerischen Explosion den Rezipienten zu überraschen.

Erschienen im Katalog „Fünfzehn Jahre Junge Kunst. Stefanie Bühler, Hannah Dougherty, Simon Halfmeyer, Sina Heffner, Sigga Björg Sigurdardottir, Markus Zimmermann“, Hrsg. Junge Kunst e. V., Constanze von Marlin, Wolfsburg 2013.

Die Ausstellung „Fünfzehn Jahre Junge Kunst“ ist noch bis zum 11.01.2014 in der Galerie Junge Kunst e. V. in Wolfsburg zu sehen. Zu diesem Jubiläum wurden Künstlerinnen und Künstler wie Stefanie Bühler, Hannah Dougherty, Simon Halfmeyer, Sina Heffner, Sigga Björg Sigurdardottir und Markus Zimmermann erneut eingeladen, um ihre neuen Arbeiten zu zeigen.

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Das Phänomen Erinnerung – Beobachtungen zu Doreen Schwarz` Arbeiten

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/// Doreen Schwarz /// Archiv: „Mutter/Kind“ 2010/2011, Fotoabzüge, montiert und umkopiert, Dokumentenpapier, 18 x 24 cm ///

Vertraute Motive werden zerschnitten, übereinander gelegt und wieder neu zusammengesetzt. Einzelne Fragmente bekommen während ihrer Neuplatzierung einen ungewohnten Ort zugesprochen, sodass diese in Kommunikation zu ihrem unbekannten Umfeld treten können. Die einzelnen Elemente werden collagiert oder parallel zueinander positioniert. Eine Spannung entsteht, die sich überraschend im Rezipienten entlädt.

Doreen Schwarz verfremdet ihre Fotografien indem sie diese auf Fotopapier legt und erneut belichtet. Durch die Wiederholung des Belichtungsprozesses löst sich das Bildmotiv immer mehr auf. Im Gegenzug erscheinen neue Strukturen auf den gegenständlichen Oberflächen der Abbildungen. Konstruktionen und Kompositionen, die sich im Alltag wieder finden lassen, werden von der Künstlerin immer wieder reproduziert und unterschiedlich zusammengesetzt. Die Fragmente ergeben neue Strukturen und Formen, sodass stets neue Sichtweisen entstehen.

Die sich überlagernden Bildteile ähneln in ihrer Anordnung den eigenen Erinnerungen. Ein Moment wird durch das Fotografieren eingefangen, auf das Filmmaterial gebannt und als Abzug konserviert. Körperhaltung und Mimik bleiben für den Betrachter erhalten. Einige Motive wiederholen sich, sind jedoch mit einer immer wieder neu erlernten Formensprache ausgestattet. Die wechselnden Anordnungen der Motive brechen stets die alltäglichen Sehgewohnheiten. Ambivalent stehen diese zueinander, auch in ihrer Erscheinungsform. Kommunikativ oder schweigend.

Es sind scheinbar Rückblenden in Schwarzweiß, die nicht immer der Realität entsprechen und emotional behaftet sind – in der Form einer Erinnerung gleich. Die Erinnerung durchläuft meist eine Metamorphose. Unwichtiges entfällt, subjektiv Wichtiges wird hervorgehoben oder dramatisiert, letztlich defragmentiert, neu zusammengesetzt und schließlich erweitert und abgespeichert. Die Irritation, die die Bildmotive hervorrufen, ist in der Wahl des Mediums begründet – der bewussten Entscheidung für die analoge Schwarzweißfotografie, impliziert sie doch die Seriosität und die Wahrheitstreue. Der Umgang mit ihr spielt mit den Konventionen und regt den Rezipienten zur Selbstreflexion an.

Vor allem die Negative und Abzüge, die motivisch aus einem Familienalbum stammen könnten, lassen eine gewisse Nähe zur Erinnerung des Selbsterlebten beim Betrachter entstehen: das auf Papier gebannte Familienidyll. Mutter-Kind-Szenerien, die beispielsweise an ikonographische Madonnenbildnisse erinnern.

Die Künstlerin erschafft sich einen eigenen Kosmos, in dem sie ihre Begebenheiten und Erzählungen zeigen, erweitern und bewahren kann. Dabei bleiben ihre Fotografien stets mit der Realität verbunden. Sparsam gesetzte Farbelemente und textbezogene Arbeiten unterstreichen diese Selbstreflexion.

Als eine logische Konsequenz mit dem Umgang des Phänomens Erinnerung, defragmentiert die Künstlerin ihr eigenes Abbild und reiht sich somit in den sich wandelnden Prozess ein: zerschnitten, collagiert und wieder neu zusammengesetzt.

Erschienen in: KRISTEL 01 – Das Magazin von Studierenden der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, 1. Ausgabe, (Hrg.) Lena Lamprecht/ Marlene Bart. Braunschweig 2013. S. 54.

Sowie weitere Informationen zu Doreen Schwarz.

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