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Istanbul

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/// Istanbul (2014) /// Foto: J. Krone ///

In die noch schlummernde Stadt rufen tausende auf Band gebannte Imame ihre Gebete in den kühlen Morgen hinein. Es ist die Zeit des Erwachens. Ein schmaler violetter Streifen am Horizont kündigt den Sonnenaufgang an. Die Möwen ziehen bereits ihre Kreise über den Bosporus und stürzen sich hin und wieder in ihn hinein – Beute machen. Langsam belebt die Stadt sich selbst. Händler bereiten ihre Verkaufsstände auf den Bazaren vor, fliegende Gemüsehändler ziehen durch ihre Viertel, stets ihre Waren anpreisend. Der Pendlerverkehr lässt die Adern der Stadt pulsieren. Dabei liegt der Duft von frisch gebackenen Sesamringen in der Luft – süß und doch herzhaft. Ältere Herren sitzen vor ihren Haustüren und schauen dem bunten Treiben in ihren Straßen zu. Auch die Sommerhitze erwacht und kriecht langsam durch die Gassen bis in die letzten schattigen Winkel, um neue Gerüche entstehen zu lassen. Junge Männer ziehen mit ihren großen Karren den recycelten Abfall zu den Sammelstationen. Ein Straßenkehrer versucht vergeblich Herr über die Lage zu werden, während eine Frau drei Stockwerke über ihm, ihre frisch gewaschene Wäsche zu einer bunten Fähnchengirlande aufhängt.
Nah, und doch Fern des städtischen Trubels – zu Füßen der Stadt, die grenzenlos scheint – erstreckt sich der Bosporus, der die Fantasien des Orient und Okzidents zu umspülen weiß. Darauf wartend, den nächsten Gebetsruf zu vernehmen.

Erschienen in: KRISTEL 04 Endlicher Anfang | Anfängliches Ende – Das Magazin von Studierenden der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, 4. Ausgabe, (Hg.) Jaqueline Krone/ Ina Hengstler. Wolfenbüttel 2015. S. 42.

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Das Fremde

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/// o. T. (2014) /// Foto: A. Dawidko ///

Ganz unbekannt kommt das Fremde daher. Es bekam noch nicht die Chance sich vorzustellen oder sich gar zu erklären. Argwöhnisch wird das Fremde beäugt, die Nase gerümpft und ihm die kalte Schulter zugewandt. Kennenlernen? Unmöglich! Schließlich definiert es sich über die Abgrenzung – setzt klare Grenzen zwischen dem Bekannten und dem Fremden. Wäre eine Annäherung möglich? Bis zu einem gewissen Grad, also der Zukenntnisnahme. Eine Definition des Ichs impliziert sofort das Abgrenzen gegen das Fremde. Der eine Zustand kann nicht ohne den anderen existieren. Eine Symbiose, die nicht gegensätzlicher sein könnte. Scheint hier doch ein Kennenlernen unmöglich zu sein. Wie sieht eigentlich das Fremde das Bekannte? Eine verkehrte Situation der Definitionen. Wird hier doch das Fremde zum Bekannten? Ein Vexierspiel mit ungewissem Ausgang.

 

 

Erschienen in: The Mystery of Intersecting Paths. The Process of an Exhibition. (Hrsg.) Hochschule für Bildende Künste Braunschweig. Clausthal-Zellerfeld 2013.

Sowie in: KRISTEL 02 Körper Issue – Magazin von Studierenden der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, 2. Ausgabe, (Hrsg.) Bart, Marlene/ Lena Lamprecht, Wolfenbüttel 2014.

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