Bild, Text

Der gerettete Augenblick

stitched #8, alte Fotografie & Nähgarn, 12x9 cm, 2014

/// Christin von Behrbalk /// stitched #8 (2014), alte Fotografie & Nähgarn, 12 x 9 cm ///

Die Zeit kann ein unliebsamer Feind sein und bringt oft Unordnung mit sich. Durch die Entsorgung unbrauchbarer Gegenstände, einem Umzug oder gar einem Todesfall geschuldet, verlassen Fotografien meist ihre Aufbewahrungsorte, um sich zu anderen, gar fremden Fotografien zu gesellen. Die Hände der Künstlerin Christin von Behrbalk öffnen einen Karton und fassen behutsam in ihn hinein. Sie greifen Fotografien aus vergangenen Tagen – verblasste Erinnerungen. Abgelichtete Menschen, die wir nicht kennen, ziehen uns in eine andere Welt hinein. In eine längst vergangene Zeit. Motive tauchen auf, die aus dem eigenen Familienalbum bekannt sind. Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, Geburtstage, Urlaube, Ausflüge, Weihnachten und Beerdigungen sind kleine und große Ereignisse, die es festzuhalten gilt. Momente des Lebens wurden auf das Fotomaterial gebannt. Bei längerer Betrachtung entsteht eine Beziehung zwischen uns und den unbekannten Menschen auf den Bildern – sind diese doch in ihrer Handlungs- und Präsentationsweise ihm ähnlich. Die Haltung, der Gestus, die getragene Mode sowie die Umgebung beherbergen gesellschaftliche, traditionelle und familiäre Codierungen, die sich über die Jahre hinweg erhalten haben und wir zu verstehen wissen. Es sind Parallelen, die wir zu unserem eigenen Leben ziehen können. Doch bleibt es nicht alleine bei den ausgewählten und dem Betrachter bekannten Motiven, die die Künstlerin Christin von Behrbalk präsentiert. Vielmehr sind es die Momente, die sich dem Betrachter zu entziehen versuchen. Durch feine Stickereien schafft sie über die Motivik hinweg eine von vielen möglichen Geschichten auf der Fotografie selbst aufzuzeigen. Das Garn weiß diese zu manifestieren und über den Augenblick hinaus haltbar zu machen. Doch nicht nur alte Fotografien zeigen vergangene Momente auf.

was sich rühren musste, rührte sich #4, Hahnemühle Fine Art matt, 50x70 cm, Auflage von 3, 2015

/// Christin von Behrbalk /// Was sich rühren musste, rührte sich #4, Hahnemühle ///

Christin von Behrbalk fängt in ihren eigenen Fotografien gefundene Augenblicke des Alltags ein. Es ist ein immer fortwährender Prozess des Findens, Festhaltens und Loslassens. Oft sind es Situationen der völligen Stille und Einsamkeit, wie es in der Arbeit „Was sich rühren musste, rührte sich #4“ (2015) deutlich wird. Die gezeigten Sträucher wurden für das nächste Frühjahr vorbereitend, aber dennoch nahezu brutal zurückgeschnitten. Dieser Akt bleibt dem Betrachter verborgen ebenso wie das einstige Volumen von Ast- und Blattwerk der einzelnen Sträucher. Trotz des radikalen Rückschnitts und der einhergehenden Ödnis, der hier von der Künstlerin festgehalten wurde, birgt dieser dokumentierte Moment ein Vexierspiel des Vergehens und des Wiedererwachens. Es braucht alleine die Vorstellungskraft eines rezipierenden Betrachters, welcher den kommenden Frühling und somit die nächste blütenbringende Wachstumsphase erahnen kann. Christin von Behrbalk erschafft ihren eigenen Mikrokosmos, in dem sie ihre gesammelten Augenblicke zeigen, erweitern und durch ihre unterschiedlich genutzten Medien manifestieren bzw. bewahren kann. Es ist ein fragiles Konstrukt, welches stets neue Facetten zu zeigen vermag.

Veröffentlicht in: create38. regionales gestalten. Gifhorner Engagement – Braunschweiger Kunst und Kreativität – Regionale Visionen und Geschäftsideen. (Hg.) Martin Sonneberg, 3. Ausgabe, Braunschweig 2015.

Nähere Informationen zu create38!

Werbeanzeigen
Standard
Text

Verblasste und wiederbelebte Erinnerungen – Beobachtungen zu Christin von Behrbalks Zeichnungen

Eine Staubschicht hat sich auf die Oberfläche des Kartons abgesetzt. Grau bis weiß schimmernd. Die Zeit ist in der Lage sich so Aufmerksamkeit zu verschaffen. Still und ruhig liegt diese danieder. Ein plötzlicher Windstoß trägt alle Partikel hinfort. Hände öffnen diesen Karton und fassen behutsam in ihn hinein. Sie greifen Fotografien aus älteren Tagen; verblasste Erinnerungen. Fragen werden aufgewirbelt. Menschen, die wir nicht kennen, ziehen uns in eine andere Welt hinein. In eine längst vergangene Zeit. Motive tauchen auf, die man aus dem eigenen Familienalbum kennt. Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, Geburtstage, Urlaube, Ausflüge, Weihnachten und Beerdigungen sind kleine und große Ereignisse, die es festzuhalten gilt. Momente des Lebens wurden auf das Fotomaterial gebannt und nach der Entwicklung liebevoll in Alben eingeklebt.

Die Zeit kann jedoch auch der unliebsame Feind sein und bringt oft Unordnung mit sich. Durch die Entsorgung unbrauchbarer Gegenstände, einen Umzug oder gar ein Todesfall verlassen die Fotografien meist ihre Aufbewahrungsorte, um sich zu anderen, gar fremden Fotografien zu gesellen. Vielleicht in jenen Karton?

Zu den unbekannten Menschen auf den Bildern entsteht eine Beziehung. Sind diese doch in ihrer Handlungs- und Präsentationsweise uns ähnlich. Die Haltung, der Gestus, die getragene Mode sowie die Umgebung beherbergen gesellschaftliche, traditionelle und familiäre Codierungen, die sich über die Jahre hinweg erhalten haben und wir zu verstehen wissen. Parallelen, die wir zu unserem eigenen Leben ziehen können.

Christin von Behrbalk setzt sich mit eben diesem Phänomen der gesellschaftlichen Codierungen innerhalb der Amateurfotografie auseinander. Meist gesichtslos sind die fragilen Zeichnungen der Künstlerin. Sie gibt dem Betrachter die Möglichkeit die Leere als eine Art Platzhalter zu verstehen. Je länger dieser die bezeichnete Oberfläche betrachtet, fügt sich Schicht für Schicht sein eigenes Abbild in diese hinein. Das Trägermaterial der Zeichnungen ist natürlich gealtert, wie auch bei den gefundenen Fotografien. Leichte Farb- und Wasserflecken brechen die Neutralität des Papiers auf. Dabei werden die einzelnen Motive von zarten Aquarellfarben unterstrichen. Die einzelnen Farbaufträge wirken durch ihre Zartheit durchscheinbar, gar verblasst. Sie sind eine Erinnerung an das einstige Reale.

In Braunschweig steht 2013 alles im Zeichen des Themenjahres „1913 – Braunschweig zwischen Monarchie und Moderne“. Nun setzten sich Künstlerinnen und Künstler mit dieser Thematik auseinander. „Royalist oder Skeptiker?“ Der BBK zeigt die Ergebnisse, u. a. auch eine Arbeit von Christin von Behrbalk, vom 23. Juni bis zum 14. Juli 2013 in der Torhaus Galerie. Der Besucher kann selbst bestimmen, ob er die Ausstellung als Royalist oder als Skeptiker entdecken möchte.

Christin von Behrbalk

BBK Torhaus Galerie

Standard