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Der Geschichtenerzähler

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/// Walross (2015), Lindenholztafel, 83 cm, 6×73 cm, 8 cm /// David Marquardt ///

Ein Mann und eine Frau mittleren Alters stehen, vermutlich in der Nähe eines Strandes, nebeneinander. Er vergräbt seine Hände in seinen Hosentaschen. Sie dagegen hält ihre auf der Höhe ihrer Taille gefaltet. Vor ihnen liegt ein Walross, welches dem Betrachter zugewandt ist. Zwischen seinen Flossen fasst es einen scheinbar leblosen Körper eines Kindes. Eine tiefe Trauer geht von dieser Szene aus. Das vermeintliche Paar scheint ihr Kind zu betrauern. Ihre Köpfe sind in einer Art stillen Andacht gesenkt. Mit ihren geschlossenen Augen und ihren herabhängenden Mundwinkeln vermitteln sie dem Betrachter Bekümmertheit und Bedrückung. Immer mehr Fragen drängen sich diesem auf und wollen beantwortet werden: Drohte das Kind im Meer zu ertrinken? Versuchte das Walross dieses zu retten und kam dabei selbst ums Leben? Oder transzendiert die Seele des Kindes in den Körper des Walrosses, um so ewiglich weiterleben zu können? Sind Walross und Kind überhaupt in dieser Szenerie zugegen? Ist es möglich, dass es sich hierbei um die jeweiligen, verbildlichten Imaginationen, erschaffen durch die Vorstellungskraft der Eltern, handelt?

Fest steht, dass im Augenblick der Trauer beide Elternteile gemeinsam, aber dennoch für sich stehend, ihr gemeinsames Kind beweinen. Der Himmel ist in ein tiefes Dunkelrot getaucht. Obwohl eine absolute Windstille zu herrschen scheint, da sich weder Kleidungsstücke noch Haare einer Böe ergeben müssen, ist der rote Himmel durch tiefe Furchen wild aufgewirbelt. Ein starker Kontrast geht von ihm zum Erdboden aus, der nahezu unbehandelt und farblos bleibt. Leben bedeutet hier Farbe – der Tod hingegen Farblosigkeit. Als Vermittler zwischen diesen beiden Gegensätzen stehen, im wahrsten Sinne des Wortes, Mutter und Vater. Durch ihre teilweise farbige Kleidung stellen sie eine Verbindung, bzw. einen Übergang beider Kontraste her.

Es ist eine ungewohnte Szene einer Geschichte, die der Betrachter nicht sofort zu fassen weiß. Die Fragen nach einem möglichen Märchen oder einer christlichen Geschichte bleiben offen und regt diesen an, weiter in seinen Erinnerungen zu suchen. Assoziationen nordischer Sagen werden wach, verhallen aber im der eigenen Unwissenheit – gar Unsicherheit. Der Künstler David Marquardt spielt geradezu mit diesen Zeichensystemen und hält den Betrachter dazu an, sich auf diese andersartige Welt, die ihm doch so vertraut zu scheint, einzulassen. Was dieser zu interpretieren vermag, bleibt ihm gänzlich überlassen. Vielmehr konfrontiert Marquardt den Betrachter mit dieser Freiheit und der Möglichkeit, mit seinen Arbeiten in Interaktion zu treten, um den gezeigten Moment einer Geschichte weiterzuerzählen. Wichtig hierbei ist auch die Materialität Marquardts Arbeiten. Der Künstler schnitzt seine Motive in Holztafeln, sodass unterschiedliche Reliefs entstehen. Allerdings bleibt es bei dieser Ausgangssituation. Die entstandenen Reliefs werden nicht wie im bekannten Hochdruckverfahren zur Erlangung einer Grafik innerhalb des Holzschnitts weiter verarbeitet. Es bleibt beim geschnitzten Negativ als Ursprungs-gedanke und seiner oft martialischen Haptik. Neben den Holztafeln widmet sich der Künstler auch dem Werkstoff des Metalls, um beispielsweise Masken herzustellen, die an den berühmten, archäologischen Fund einer römischen Gesichtsmaske innerhalb des Gebietes der Varusschlacht (Kalkriese, Osnabück) erinnert. Die Leidenschaft des Narrativen zieht sich durch das gesamte Schaffen David Marquardts. Auch Fotografie und Film gehören zu seinem Repertoire des Erzählens – immer auf der Suche nach einer neuen Geschichte.

Weitere Informationen über den Künstler David Marquardt sind hier anzufinden.

Aktuell kann die Ausstellung „Keine zehn Pferde“ (15.06.2016 – 15.08.2016), welche das „Hallenbad – Kultur am Schachtweg“ (Kunstschaufenster) zeigt, in Wolfsburg besucht werden.

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Gastbeitrag zur fotografischen Arbeit /// o. T. (2015) /// von Jaqueline Krone – verfasst von Stephan Kaps aka mephisto19

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/// o. T. (2015) /// Foto: J. Krone ///

„Winter…“ ist die Überschrift, die Jaqueline Krone ihrem Blogpost auf der Seite Bild und Schrift gegeben hat. Winter. Das Bild lädt und ich fühle mich ins Landesmuseum Hannover katapultiert. Dort hängt das Gemälde „Landschaft mit Bauernhaus“ (1632) von Jan van Goyen, eine klassische niederländische Landschaftsmalerei. Genau diesen Ausdruck, diesen Stil hat die 2015 in Dänemark entstandene Fotografie von Krone.

Sie steht auf einer Düne und blickt durch die Kamera auf das vom Sturm aufgewühlte Meer. Der Wind peitscht. Die Gischt schäumt auf den Wellen. Die Komposition hat im unteren Drittel Düne mit Strandhafer und das Meer, die oberen zwei Drittel sind der bewölkte Himmel, so dass fast kein Horizont ausgemacht werden kann. Und doch scheint die Sonne – zwar verborgen, aber die Szene wird ganz im Stile der niederländischen Meister illuminiert. Jaqueline Krone gelingt mit dieser Fotografie eine zeitgenössische Umsetzung der Natur als Thema in der Kunst. Die Stärke und Kraft wird in dieser Fotografie deutlich. Dass keine Menschen zu sehen sind, macht die fotografische Arbeit zeitlos und bestärkt zusätzlich den Eindruck einer gewaltigen, alles überdauernden Natur. Eine weitere Verstärkung dieser Idee wird von den auf der Fotografie erkennbaren Objekten geschaffen: ein in den Boden gesetzter Holzblock, der von Wind und Wetter morsch und aufgeraut ist, ist ebenso erkennbar wie eine Art hölzerner Dreifuß neben einer anderen Holzkonstruktion, die den Anschein machen, als dienten sie zur Trocknung von Fischernetzen. Von Menschen geschaffene Objekte, die noch der Kraft der Natur trotzen – aber wie lange noch? Die Frage der Endlichkeit des Seins kommt auf und ich muss an ein Lied aus den 1970ern denken.

„I close my eyes, only for a moment and the moment’s gone”, heißt es in “Dust in the Wind” von Kansas und weiter “same old song, just a drop of water in the endless sea”.

Weiterführende Informationen über den Autoren und Künstler Stephan Kaps aka mephisto19 finden Sie hier.

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Am rechten Fleck – Beobachtungen zu Stephan Kaps analoger Fotoserie `Pink Triangle Self Portraits´ (2013)

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/// Aus der Serie `Pink Triangel Self Portraits´ (2013), analoge Farbfotografie /// Stephan Kaps ///

Ein junger Mann ist im Begriff sich seines Shirts zu entledigen. Er zieht dieses über seinen Kopf, sodass der Stoff seine Augen verdeckt. Dabei legt er seinen Oberkörper, auf welchem sich eine rosafarbene, geometrische Form abzeichnet, frei. Dieses Merkmal manifestiert sich auf der Brust des jungen Mannes und taucht immer dann auf, wenn sich eben dieser dem Betrachter zuwendet. Doch auf der nächsten Fotografie dreht er sich von diesem ab, noch immer den Stoff über seinem Kopf tragend. Auf der folgenden inspiziert er intensiv seine linke, gekennzeichnete Brustpartie. Noch immer vom Betrachter abgewandt, trägt der junge Mann nun um seinen Hals einen Rosenkranz. Auf einem weiteren Foto beißt er martialisch in einen Apfel und schaut dabei fordernd dem Betrachter in die Augen. Apfelrest und Rosenkranz liegen auf dem nächsten vereint auf dem Boden. Auf den nächsten Fotografien bedeckt der junge Mann sich mit einer roten Bettdecke: Mal kniend, mal sitzend oder liegend, sodass einzelne Körperteile wie Rücken und Hintern, Brust und Bauch sowie die Beine in den Vordergrund des Bildgeschehens treten. Hier und da leuchtet die markierte Brust rosafarbend auf. Währenddessen bekommt, Fotografie für Fotografie, jedes seiner einzelnen Körperteile seine Aufmerksamkeit zugesprochen. Mit der systematischen Zurschaustellung seines Körpers geht der junge Mann noch einen Schritt weiter und zeigt nun stehend, die ebenfalls rosafarbene Unterhose, mit beiden Daumen herunterziehend, beziehungsweise haltend, seinen nackten Hintern dem Betrachter. Auf der darauf folgenden Fotografie ist er dem Betrachter wieder mit seiner Vorderseite zugewandt, spricht seiner Unterhose die eigentliche Funktion ab und trägt diese nun über seinem Kopf, sodass sein Gesicht abermals verdeckt wird. Dabei weiß der junge Mann mit seinen Händen sein Geschlecht vor den Blicken des Betrachters zu schützen. Die szenische Situation, welche eben noch in einem Schlafzimmer spielen musste, erfährt einen Raumwechsel: Ein Badezimmer dient nun als Handlungsraum. Der Protagonist positioniert sich hinter einem Duschvorhang – halb versteckend, halb neugierig schauend – dabei sticht die rosafarbene, geometrische Form auf seiner linken Brust wieder hervor. Diese Raumsequenz schließt mit der rosafarbenen Unterhose, welche von seinem Träger auf dem Badezimmerboden zurückgelassen wird.

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/// Aus der Serie `Pink Triangel Self Portraits´ (2013), analoge Farbfotografie /// Stephan Kaps ///

Der Künstler Stephan Kaps schafft es innerhalb der Bildabfolge der Fotoserie `Pink Triangle Self Portraits´ (2013) zwischen ruhigen und staccatohaften Momenten zu changieren, sodass eine ausgewogene Komposition entsteht. Der Betrachter wird sofort vom abgebildeten Geschehen der Fotografien eingenommen, allerdings erfährt dieser nicht alles. Was er zu sehen bekommt, sind einzelne Momentaufnahmen des handelnden Künstlers. Sie erinnern an Film Stills. Der Betrachter wird mit einem sich nun entspinnenden Spannungsbogen konfrontiert. Dabei entstehen Fragen nach dem was »Geschah-in-der-Zwischenzeit?«, welche nun in den Vordergrund treten. Durch das Vexierspiel der Schärfe und Unschärfe sowie des groben Korns der einzelnen, analogen Fotografien, entsteht der scheinbare Eindruck, als könne der Künstler über die Nähe und die Distanz des szenischen »Dabei-seins« des Betrachters kontrollieren.

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/// Aus der Serie `Pink Triangel Self Portraits´ (2013), analoge Farbfotografie /// Stephan Kaps ///

Eine rosafarbene, geometrische Form kristallisiert sich als Leitfaden in der Fotoserie `Pink Triangle Self Portraits´ (2013) heraus. In seiner Form und Farbigkeit löst dieses Mal, welches sich auf der linken Brust des jungen Mannes befindet, Assoziationen aus. Tief im kollektiven Gedächtnis findet sich dieses Merkmal wieder: Es ist der rosafarbendende und stigmatisierende Winkel, welcher in der Zeit des Nationalsozialismus die homosexuellen Insassen der Konzentrationslager als Aufnäher auf ihren Uniformen kennzeichnete. In den 1970er Jahren wurde dieses Zeichen zum Symbol der internationalen Homosexuellenbewegung. Die historisch ambivalent behafteten Konnotationen dieses Winkels, werden durch den vom Künstler genutzten Begriffs des Wimpels bewusst einmal mehr gebrochen, obgleich eine permanente Erinnerung daran haften bleibt. Haften bleibt im wahrsten Sinne des Wortes, denn als eine Art Tattoo ist die Kennzeichnung auf seiner Haut aufgetragen. Der Künstler Stephan Kaps, welcher sich in dieser Arbeit selbst portraitierte, zeigt einen Diskurs, welcher über seinen Körper ausgetragen wird. Der rosafarbene Wimpel dient zwar als Markierung seines homosexuellen Körpers, aber nicht als Stigmatisierung, sondern als Ausgangspunkt zu einem inneren, wie für den Betrachter nach außen getragenen Dialog. Es sind nicht nur intime Momente, die die Fotoserie `Pink Triangle Self Portraits´ (2013) preisgibt, sondern sie fungiert auch als eine Art fotografische Dokumentation eines performativen Aktes.

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/// Aus der Serie `Pink Triangel Self Portraits´ (2013), analoge Farbfotografie /// Stephan Kaps ///

Der Künstler setzt sich mit der Frage nach der Vereinbarkeit der eigenen Sexualität und seiner Religiosität auseinander. Es scheint als wolle er mit der seriellen, gar szenischen Abfolge seiner Fotografien den Betrachter provozieren. Mit dem Biss in den Apfel, beziehungsweise seines gänzlichen Verspeisens, dient dieser eindeutig als Attribut des Auslösens des Sündenfalls, welcher durch den hölzernen Rosenkranz der katholischen Kirche verstärkt wird. Währenddessen fokussiert Kaps den Betrachter fordernd. Der Wunsch nach einer Diskussion wird auf den Betrachter übertragen. Dabei steht nicht die Findung nach der einen Antwort im Vordergrund, sondern der Prozess einer möglichen Diskussion, die durch diese Arbeit angestoßen werden soll – ausgelöst durch ein rosafarbenes Tattoo am rechten Fleck.

Die vollständige Serie `Pink Triangel Self Portraits´ wird ab dem 04. Februar 2016 im Andersr(a)um in der Asternstr. 2, Hannover gezeigt. Die Eröffnung der Ausstellung beginnt um 19 Uhr.

Wer die Ausstellung nicht besuchen kann, hat die Möglichkeit Stephan Kaps Blog Mephisto19 – Photograph, Text, Sound & Video zu besuchen – auch hier sind seine Arbeiten vertreten.

Wer stets über Stephan Kaps auf dem Laufenden sein möchte, findet hier seine Repräsentanz via Facebook.

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Der gerettete Augenblick

stitched #8, alte Fotografie & Nähgarn, 12x9 cm, 2014

/// Christin von Behrbalk /// stitched #8 (2014), alte Fotografie & Nähgarn, 12 x 9 cm ///

Die Zeit kann ein unliebsamer Feind sein und bringt oft Unordnung mit sich. Durch die Entsorgung unbrauchbarer Gegenstände, einem Umzug oder gar einem Todesfall geschuldet, verlassen Fotografien meist ihre Aufbewahrungsorte, um sich zu anderen, gar fremden Fotografien zu gesellen. Die Hände der Künstlerin Christin von Behrbalk öffnen einen Karton und fassen behutsam in ihn hinein. Sie greifen Fotografien aus vergangenen Tagen – verblasste Erinnerungen. Abgelichtete Menschen, die wir nicht kennen, ziehen uns in eine andere Welt hinein. In eine längst vergangene Zeit. Motive tauchen auf, die aus dem eigenen Familienalbum bekannt sind. Hochzeiten, Taufen, Konfirmationen, Geburtstage, Urlaube, Ausflüge, Weihnachten und Beerdigungen sind kleine und große Ereignisse, die es festzuhalten gilt. Momente des Lebens wurden auf das Fotomaterial gebannt. Bei längerer Betrachtung entsteht eine Beziehung zwischen uns und den unbekannten Menschen auf den Bildern – sind diese doch in ihrer Handlungs- und Präsentationsweise ihm ähnlich. Die Haltung, der Gestus, die getragene Mode sowie die Umgebung beherbergen gesellschaftliche, traditionelle und familiäre Codierungen, die sich über die Jahre hinweg erhalten haben und wir zu verstehen wissen. Es sind Parallelen, die wir zu unserem eigenen Leben ziehen können. Doch bleibt es nicht alleine bei den ausgewählten und dem Betrachter bekannten Motiven, die die Künstlerin Christin von Behrbalk präsentiert. Vielmehr sind es die Momente, die sich dem Betrachter zu entziehen versuchen. Durch feine Stickereien schafft sie über die Motivik hinweg eine von vielen möglichen Geschichten auf der Fotografie selbst aufzuzeigen. Das Garn weiß diese zu manifestieren und über den Augenblick hinaus haltbar zu machen. Doch nicht nur alte Fotografien zeigen vergangene Momente auf.

was sich rühren musste, rührte sich #4, Hahnemühle Fine Art matt, 50x70 cm, Auflage von 3, 2015

/// Christin von Behrbalk /// Was sich rühren musste, rührte sich #4, Hahnemühle ///

Christin von Behrbalk fängt in ihren eigenen Fotografien gefundene Augenblicke des Alltags ein. Es ist ein immer fortwährender Prozess des Findens, Festhaltens und Loslassens. Oft sind es Situationen der völligen Stille und Einsamkeit, wie es in der Arbeit „Was sich rühren musste, rührte sich #4“ (2015) deutlich wird. Die gezeigten Sträucher wurden für das nächste Frühjahr vorbereitend, aber dennoch nahezu brutal zurückgeschnitten. Dieser Akt bleibt dem Betrachter verborgen ebenso wie das einstige Volumen von Ast- und Blattwerk der einzelnen Sträucher. Trotz des radikalen Rückschnitts und der einhergehenden Ödnis, der hier von der Künstlerin festgehalten wurde, birgt dieser dokumentierte Moment ein Vexierspiel des Vergehens und des Wiedererwachens. Es braucht alleine die Vorstellungskraft eines rezipierenden Betrachters, welcher den kommenden Frühling und somit die nächste blütenbringende Wachstumsphase erahnen kann. Christin von Behrbalk erschafft ihren eigenen Mikrokosmos, in dem sie ihre gesammelten Augenblicke zeigen, erweitern und durch ihre unterschiedlich genutzten Medien manifestieren bzw. bewahren kann. Es ist ein fragiles Konstrukt, welches stets neue Facetten zu zeigen vermag.

Veröffentlicht in: create38. regionales gestalten. Gifhorner Engagement – Braunschweiger Kunst und Kreativität – Regionale Visionen und Geschäftsideen. (Hg.) Martin Sonneberg, 3. Ausgabe, Braunschweig 2015.

Nähere Informationen zu create38!

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`Type any name |´ – Ein Spiel mit den Identitäten

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/// Facebook Profilbilder (2011 bis 2012) /// Foto: M. Diederich ///

„Marjam Diederich hat ihr Profilbild geändert.“ Diesen Satz konnte jeder, der mit der Künstlerin zwischen 2011 und 2012 befreundet war, in regelmäßigen Abständen, lesen. Stets lud Marjam Diederich Abbildungen von Gemälden verschiedenster/en Künstler*innen aus nahezu der gesamten Bandbreite der Kunstgeschichte hoch. Dem Schema der Abbildungen blieb sie durchgehend treu: nur weibliche Personen mit rotem Haar fanden Platz im Kanon ihrer Profilbildserie. Sandro Botticellis `Weibliches Idealbildnis (Bildnis der Simonetta Vespucci)´, Joh Roddam Spencer Stanhopes `The Temptation of Eve´, Edvard Munchs `Der Vampir´, Lukas Cranachs dem Älteren `Judith mit dem Haupt des Holofernes´ und viele weitere reihen sich in der Bildabfolge ein. Die Abbildungen zeigen Frauen wie diese in der jeweiligen Epoche von der Gesellschaft bzw. dem/der Künstler*in gesehen wurden. Es sind Rollenbilder, die sich wiederholen: Die ideale Schönheit, die Femme fatale, die Tugendhafte, die Starke, die Unberechenbare, die Fleißige, die Unterwürfige, die Unnahbare, die Erbsünderin. Rollenbilder, die von Generation zu Generation neu ausgelotete werden müssen beziehungsweise darauf warten durchbrochen zu werden. Es ist ein serieller Versuch der Künstlerin sich der eigenen Identität in der heutigen Gesellschaft gewahr zu werden. Denn die Frage nach der eigenen Identität ist größer als je zuvor. Neue Kommunikationswege, die sich durch das World Wide Web bewegen, zeigen gerade über soziale Netzwerke auf, wie man sich zu präsentieren hat: frisch, jung, hipp und individuell. Diese Parameter werden über das Profilbild transportiert. Dieses ist in der Lage auf das Wesentliche einer Person zu reduzieren. Daher verwundert es nicht, dass Diederich auf jene Fragen stößt: Wie sehen mich meine Mitmenschen? Wie sehe ich mich? Fragen, die sich die Künstlerin selbst, aber auch fremden Passanten, die ihr im Alltag begegnen in ihrer Arbeit `Portraits´ (2013) indirekt stellt.

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Aus der Serie `Portrait´ (2013) /// Foto: Alex, 28 ///

Dabei durften die freiwilligen Fotografen*innen Anweisungen für ihr Wunschmotiv geben, die Diederich übernehmen musste. Die Künstlerin übergibt die Kontrolle über ihren Körper einer fremden Person, die sie wiederum nach ihrem Empfinden steuern kann. Für einen kurzen Augenblick wird sie zu einer Projektionsfläche für ihr Gegenüber. Sie nimmt all´ jene Positionen ein, die sich der/die Fotograf*in nicht selbst traut auszuprobieren. Es ist ein Vexierspiel zwischen sein und nicht sein. Der Kontrollverlust über den eigenen Körper eröffnet aber auch gleichzeitig neue Möglichkeiten der Selbsterfahrung. Durch das serielle Arbeiten sowie das Erfahren der Reaktionen der fremden Menschen, sei es im virtuellen oder im realen Umfeld, versucht die Künstlerin sich ihrer eigenen Identität zu nähern.

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/// Videostill Hüllen (2014) /// Marjam Diederich ///

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/// Videostill Hüllen (2014) /// Marjam Diederich ///

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/// Videostill Hüllen (2014) /// Marjam Diederich ///

In einer Videoarbeit `Hüllen´ (2014) versetzt sich Diederich direkt in drei unterschiedliche Rollen, die sie perfekt zu spielen weiß. Da wäre der selbstbewusste von sich überzeugte Businesstyp, die hübsche, lebensfrohe, junge und die durch eine Achtsamkeitübung zu sich selbstfindende Frau. Unterschiedlicher könnten die Rollen nicht sein. Sowohl durch den schnellen Szenenwechsel als auch durch die trashig wirkende Audiosequenz, bricht in sekundenschnelle das jeweilige Rollenbild auf. Was bleibt ist die Künstlerin selbst, die sich durch ihre Wandelbarkeit auf das wichtigste reduziert – auf ihre eigene Identität.

Durch den reflektierten Umgang sowie der Präsentationsart der Fotografien bzw. der Videoinstallationen schafft Marjam Diederich durch die unterschiedlichen Visualisierungsstrategien ihre eigene Identität zu manifestieren. Wir müssen nur genau hinsehen.

Marjam Diederich studiert Freie Kunst bei Prof. Candice Breitz an der HBK Braunschweig.
In ihren Videos und konzeptuellen Fotografien beschäftigt sich Marjam Diederich mit Frauenrollen, sowohl der eigenen als auch der gesellschaftlichen, und deren Wechselwirkungen. Ihre erste Solo-Ausstellung „PROFILES“ war bis Ende März in der CITY Gallery des Kunstverein Wolfsburg zu sehen.

Weitere Informationen unter:
citygallery@wolfsburg.de
http://www.kunstverein-wolfsburg.de/city_gallery

CITY GALLERY des Kunstverein Wolfsburg
Alvar Aalto Kulturhaus, Porschestraße 51, 38440 Wolfsburg
Öffnungszeiten: Di bis Fr 10 – 18 Uhr, Sa 9 – 13 Uhr

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Istanbul

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/// Istanbul (2014) /// Foto: J. Krone ///

In die noch schlummernde Stadt rufen tausende auf Band gebannte Imame ihre Gebete in den kühlen Morgen hinein. Es ist die Zeit des Erwachens. Ein schmaler violetter Streifen am Horizont kündigt den Sonnenaufgang an. Die Möwen ziehen bereits ihre Kreise über den Bosporus und stürzen sich hin und wieder in ihn hinein – Beute machen. Langsam belebt die Stadt sich selbst. Händler bereiten ihre Verkaufsstände auf den Bazaren vor, fliegende Gemüsehändler ziehen durch ihre Viertel, stets ihre Waren anpreisend. Der Pendlerverkehr lässt die Adern der Stadt pulsieren. Dabei liegt der Duft von frisch gebackenen Sesamringen in der Luft – süß und doch herzhaft. Ältere Herren sitzen vor ihren Haustüren und schauen dem bunten Treiben in ihren Straßen zu. Auch die Sommerhitze erwacht und kriecht langsam durch die Gassen bis in die letzten schattigen Winkel, um neue Gerüche entstehen zu lassen. Junge Männer ziehen mit ihren großen Karren den recycelten Abfall zu den Sammelstationen. Ein Straßenkehrer versucht vergeblich Herr über die Lage zu werden, während eine Frau drei Stockwerke über ihm, ihre frisch gewaschene Wäsche zu einer bunten Fähnchengirlande aufhängt.
Nah, und doch Fern des städtischen Trubels – zu Füßen der Stadt, die grenzenlos scheint – erstreckt sich der Bosporus, der die Fantasien des Orient und Okzidents zu umspülen weiß. Darauf wartend, den nächsten Gebetsruf zu vernehmen.

Erschienen in: KRISTEL 04 Endlicher Anfang | Anfängliches Ende – Das Magazin von Studierenden der Hochschule für Bildende Künste Braunschweig, 4. Ausgabe, (Hg.) Jaqueline Krone/ Ina Hengstler. Wolfenbüttel 2015. S. 42.

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Zwischen Vergänglichkeit und Präzision

KATRINA

/// Christian Grams /// „Katrina“, Aquatinta, 21,5 x 30,7 cm ///

In Mitten des Bildes steht auf einem Trümmerfeld entrückt ein Pick-up. Direkt hinter diesem Gefährt sind nur noch Strukturen eines Wohnhauses zu erkennen, dass diese Bezeichnung als jenes nicht mehr verdient. Über dieser Szenerie der Verwüstung spinnen unversehrte Strommasten ungestört ihr Netz in den Bildhintergrund, wo die eigentliche Idylle noch weiterlebt – überspannt von einem leicht bewölkten Himmel, dem man die Macht einer Naturgewalt nicht abnehmen wollte.

Es ist eine aus einer Zeitung stammende Abbildung eines ehemals urbanen Vororts von New Orleans nachdem der Hurrikane Katrina seinen Weg durch die Landschaft fraß. Das Ausmaß der Zerstörung einer Millionenstadt wird auf diesem Bild konzentriert und zeigt die reine Willkür einer Naturgewalt und die Hilflosigkeit der Menschen, welche ihr gegenüberstehen. Doch der zweite Blick verrät mehr und erfordert ein genaues Auge, um die kleinen Hoffnung verheißenden Details zu erkennen. Mitten im Trümmerfeld, direkt neben dem Pick-up, blühen drei kleine Blümchen. Folgt man der Achse des Wagens lugt ein kleiner Teddybär hervor, ein weiteres Stück der Blickachse rechts folgend, sind vier Glasflaschen erkennbar, die wie eine kleine Mauer dem Chaos trotzend gegenüberstehen. Eine andere Interpretation von Glaube, Liebe und Hoffnung. Christian Grams schafft hier eine weitere Deutungsebene für eine Momentaufnahme, die ohne seinen Eingriff nur die Zerstörung zu zeigen weiß.

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/// Christian Grams /// „Why so many fucking faces looking at me?“, Aquatinta, 22,5 x 49,5 cm///

Diese Art der Bildtransformation, welches oft einem Suchbild entspricht, zieht sich durch Grams Arbeiten. Kleine Figuren, Gesichter, Tiere und andere Gestalten tummeln sich auf den Drucken. Sie dominieren das Bildgeschehen, tauchen zwischen abstrakten Strukturen auf oder verstecken sich gar hinter ihnen. Die figürliche Vielfalt erinnert an Comicstrips. Einige Techniken, wie zum Beispiel das Arbeiten mit Schablonen, stammen wiederum aus der Graffitiszene. Hier transferiert der Künstler eine Art des Arbeitens, wo es um Schnelligkeit und Vergänglichkeit im Außenraum geht, in eine Ateliersituation, die im Gegensatz dazu Geduld und Präzision erfordert – und längeres Überleben seiner Arbeiten verspricht.

Christian Grams erschafft sich eine ganz eigene starke, autarke und vielfältige Bildwelt, in dem er seine Begebenheiten und Erzählungen zeigen, erweitern und bewahren kann. Dabei bleiben seine Radierungen stets mit der Realität verbunden. Sparsam gesetzte Nuancen während des Druckens und prozesshaftes Arbeiten unterstreichen diese Selbstreflexion.

Seine Arbeiten waren zuletzt in der Ausstellung „11 Künstler in 2 Torhäusern“ (13.03. – 19.04.2015) im BBK Braunschweig zu sehen. Darüber hinaus engagiert sich der Künstler bei The Bridge e.V. – zur Förderung der Hip-Hop Kultur.

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